Davids wundersame Welt – der Film

Ein Coming-of-Age-Drama der besonderen Klasse zeigt die Tragikomödie Davids wundersame Welt. Eindrucksvoll werden Themen wie Toleranz, Außenseiter, Migration Rassismus und das Erwachsenwerden von dem Autor und oscarnominierten Regisseur Paul Morrison aufgegriffen und dargestellt. Der Film zeichnet die Problematik von Zuwanderung Anfang der 60er Jahre in Großbritannien auf.

Die Wisemans mit ihrem Sohn David wohnen in einem Arbeiterviertel in London und haben als jüdische Einwandererfamilie keinen leichten Stand, obwohl Davids Mutter Ruth bereits im Kindesalter als Flüchtlingskind aus Deutschland nach London zog. Das Misstrauen in der Nachbarschaft wächst, als die Wisemans Kontakt zu einer aus Jamaika zugewanderten Familie pflegen.

Der elfjährige David Wiseman (gespielt von Sam Smith) ist ein begeisterter Cricketspieler, leider aber der Schlechteste in seinem Team. Als dann die bereits genannte Familie aus Jamaika in die unmittelbare Nachbarschaft einzieht und David mit großer Freude feststellt, dass sie ein Cricketfeld im Garten anlegt ist es um ihn geschehen und ohne Scheu klettert er über den Zaun und wird von den Fremden gleich herzlich empfangen und sogar vom Familienvater Dennis in Sachen Cricket geschult. Auch Davids Mutter Ruth ist sehr schnell von den Samuels angetan. Die Familien empfinden sich nicht als fremdartig und anders, so wie es die meisten Nachbarn machen, sondern sind neugierig aufeinander und respektieren sich und ihre jeweiligen Kulturen.

Jedoch werden die zarten Banden zwischen den Familien auf harte Bewährungsproben gesellschaftlicher Art gestellt und David muss sich trotz seines jungen Alters in ein Erwachsenwerden begeben und feststellen, dass Entscheidungen weitreichende Konsequenzen haben und Opportunismus, manchmal sehr egoistisch ist und andere sehr verletzen kann. Sein Wunsch anerkannter Cricketspieler zu sein, kollidiert mit der Zuneigung zu den Samuels und so gerät David doch zwischen allen Fronten und muss alle Schwierigkeiten der Entwicklung zur multikulturellen Gesellschaft der 1960er Jahre in London durchleben.

Paul Morrison unterstreicht durch den positiven Ausgang am Ende des Films seine eigene Meinung: Der Wunsch nach einer toleranten und friedlich miteinanderlebenden multikulturellen Gesellschaft.

Die Laufzeit des Filmes beträgt 106 Minuten und ist freigegeben ab 6 Jahre, aufgrund der Thematik jedoch ab 10 Jahre empfohlen. Davids wundersame Welt stammt aus dem Jahre 2003.

Der Hintergrund von Davids wundersame Welt: Die Multikulturelle Gesellschaft der 1960er Jahre in London

London in den 60ern: Das sind die „Swinging Sixties“ mit Beatles, Twiggy, Carnaby Street und Emma Peels hautengen Lederkombinationen. Und es ist die Geschichte einer Völkerwanderung aus den Kolonien, die das Gesicht der Metropole nachhaltig verändert hat. Es ist eine Geschichte des Neben- und Gegeneinanders. Aber auch des Miteinanders an Orten, wo man es nicht erwartet hätte.

London, die erste und lange Zeit einzige Mega-City Europas, blickt auf jahrhundertelange Erfahrungen mit der multikulturellen Gesellschaft zurück. Iren, Juden, Hugenotten und Seeleute aus allen Teilen der Welt haben in der Weltstadt ihr Glück gesucht. Doch das war nur Vorspiel für jenes Kapitel, das im Jahr 1948 aufgeschlagen wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Wirtschaft und Industrie waren vom Krieg schwer gezeichnet, Arbeitskräfte Mangelware. Auf der Suche nach neuen Kräften lag der Blick auf die eigenen Kolonien natürlich nah. Denn auch wenn sich das britische Weltreich in Auflösung befand: Noch immer umfasste es ein Viertel der Weltbevölkerung. Und so entschloss sich die Regierung Ihrer Majestät, die Einwanderungsbestimmungen drastisch zu lockern.

Als am 22. Juni 1948 das ehemalige Kreuzfahrtschiff Empire Windrush in London andockte und hunderte von Arbeitern aus der Karibik, den „West Indies“, an Land gingen, war der Beginn einer neuen Ära markiert. Seit dieser Zeit strömten jährlich bis zu 70.000 Neuankömmlinge aus allen Teilen des Empires ins Land ? in der Mehrzahl aus der Karibik, Hong Kong, Indien und Pakistan.

Chinesische Einwanderer zog es vor allem in den Einzelhandel und in die Wäschereibetriebe ? und natürlich in die Gastronomie. Anfang der 60er gab es in London bereits mehrere hundert Chinarestaurants, die ihren ganz eigenen Beitrag zum weltoffenen Flair der Sixties leisteten. Wie an vielen anderen Orten der Welt schufen sich die Neuankömmlinge aus dem Reich der Mitte ihren eigenen Wohnbezirk, die „Chinatown“ von Soho. Die chinesische Gemeinschaft prosperierte derart, dass sie 1963 den ersten öffentlichen Neujahrsumzug mitsamt Trommlern, Masken und Drachenfiguren in der Gerrard Street zelebrierte.

Karneval contra Gewalt

Weniger harmonisch der Empfang für die Einwanderer von den westindischen Inseln. In der Mehrzahl handelte es sich um Nachkommen schwarzafrikanischer Sklaven ? vor allem von Jamaika, Barbados und Trinidad und Tobago. Ihnen schlug nicht selten offener Rassismus entgegen. Auch wenn sie bereitwillig ihre dringend benötigte Arbeitskraft in Industrie, Pflegeberufen oder bei Bahn und Nahverkehr zur Verfügung stellten, prallten sie bei der Wohnungssuche auf geballte Ablehnung. Viele Restaurants oder Lokale verweigerten ihnen den Eintritt.

Notting Hill, eines der Londoner Wohnquartiere der karibischen Einwanderer, wurde Ende der 50er Jahre von Rassenunruhen erschüttert, die durch Übergriffe der fremdenfeindlichen „Teddy Boys“ ausgelöst wurden. Die afro-karibische Community reagierte auf diese angespannte Situation, indem sie 1966 den Notting Hill Carnival ins Leben rief ? ein farbenprächtiges Multikulti-Festival, das heute jährlich eine Million Besucher anzieht.

Pop und Populisten

Erhebliche Unruhe löste der konservative Abgeordnete Enoch Powell 1968 durch seine „Ströme-von-Blut“-Rede aus, mit der er in düsteren Bildern vor den Folgen der Einwanderung warnte. Multikulturalität muss anscheinend gelernt werden ? sogar eine Hippi- und Pop-Ikone wie Eric Clapton zollte den Ansichten Powells öffentlich Anerkennung.

Zu den faszinierendsten Fußnoten Londoner Migrationsgeschichte gehört der Ursprung der Skinheads, die später für ihre gewalttätigen Ausländerfeindlichkeit berüchtigt wurden. In den 60ern hörten sich noch am liebsten westindische Musik wie Ska und Rocksteady, aus denen sich später der Reggae entwickelte. Einhellig drängten sich die raubeinigen Jugendlichen aus der englischen Arbeiterschicht mit den farbigen Einwanderern in die Clubs und auf die Tanzfläche.


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